Begegnungen



Zierlich und blass stand sie vor uns. Die großen Augen in dem so jungen Gesicht blickten uns traurig und fragend zugleich an. Es war die letzte Stunde, bevor das große Einkaufszentrum seine Ein- und Ausgänge am Samstagabend schloss. Auch unser dreitägiger Informationsstand — neben zig anderen, sollte bald abgeräumt werden. Die "Gesundheitstage" im Bezirk hatten Kontakte und Gespräche möglich gemacht, die uns beeindruckten. Wiederholt blieben ganz junge Menschen mit frischer MS-Diagnose bei uns stehen und suchten das Gespräch.

Diese zarte junge Frau war kurz vor Toresschluss in Begleitung ihres treuen Freundes gekommen. Der hatte schon tags zuvor bei uns Informationsbroschüren ausgesucht, um informiert zu sein, wenn seine Freundin heute anreiste. Nun war sie aus dem Süden Deutschlands gekommen und beide konnten ein Wochenende lang gemeinsam die Last tragen, die sich auf ihre Seele gelegt hatte, seit sie vor drei Monaten ihre Diagnose erfuhr.

Wieviel Vorteile unser Infostand in diesem Jahr hatte, fiel uns auf, wenn wir einfach jemand „hereinbitten” konnten. Die junge Frau nahm die Möglichkeit, sich hinsetzen zu dürfen, dankbar an. Durch wieviel Dunkelheiten musste sie gehen, bis sie heute endlich den ersten Kontakt zu Mitbetroffenen aufnahm. Ihren Beruf konnte sie nicht mehr ausüben. Für eine Umschulung war sie nicht tauglich. Viele Lebenspläne schienen zerstört; aber im gemeinsamen Gespräch entdeckten wir, dass es ja zu allererst auf den Augenblick ankommt, in dem ich gerade lebe und, wie ich den Tag h e u t e fülle und dass ich versuche, mich so anzunehmen, wie ich mich augenblicklich vorfinde.

Sie entdeckte Dinge, die sie gern tat — es waren viel mehr als die, die sie nicht mehr tun konnte. Es war ihr ja noch so vieles geblieben, das war auszuschöpfen. Sie würde lernen, ihrem Leben einen anderen Inhalt zu geben. Als sie mich dann nach dem Sinn meines Lebens fragte, konnte ich ihr von der großen Geborgenheit sagen, die ich bei allem Erleben in der Nähe zu Gott und Jesus Christus erfahre.

Das miteinander Reden tat ihr wohl, sie ließ es uns spüren. Doch es wurde Zeit, die Centerbesucher eilten zum Ausgang. Eine selbst gedrehte Bienenwachskerze schenkten wir unserer Gesprächspartnerin. Sie nahm es als Symbol für ein Licht auf dem Weg, das immer da ist, wenn es wieder dunkel wird. Da kam auch schon der Freund, auf den sie sich fest verlassen konnte. Er nahm vor unseren Augen seine lächelnde Partnerin in den Arm. Ihre Augen hatten den Glanz, den er vor der Erkrankung an ihnen kannte.

Ich muss oft an die beiden denken. Ihre Dankbarkeit bewegt mich noch heute; dazu der Vorsatz, dass sie zu Hause auf jeden Fall Kontakt aufnehmen wollte zu ihrem Landesverband, weil sie seit heute eine Selbsthilfegruppe suchte. Es gibt Tage, da wissen einige aus unserer SH-Gruppe, dass ihre Anwesenheit am Infostand nicht umsonst war. Keine Begegnung ist umsonst, wenn sie Hoffnung vermittelt und der Weg zu sinnerfülltem Leben gemeinsam entdeckt wird.


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