So kam ich in die MS-Selbsthilfegruppe Prenzlauer Berg



Der Arzt im Krankenhaus sagt nach 10 Tagen Aufenthalt: „Sie haben MS, das wussten Sie doch!” Ich wusste es nicht und auch nicht, was MS ist. Er sagte mir, dass es Multiple Sklerose heißt. Ich sagte: „Ich weiß, da sitzt man im Rollstuhl.” Ich heulte schon wie ein Schlosshund und habe nichts mehr verstanden, was er erzählt hat im Krankenhaus ... von einer Selbsthilfegruppe in Weißensee und so ... Ich lehnte gleich ab, auch meine Familie sollte nichts erfahren.

Ich bekam Wochenendurlaub und sollte Montag entlassen werden. Ich bekam gleich noch einen Schub und musste noch eine Woche im Krankenhaus bleiben und bekam natürlich Kortison.

Nach dem Krankenhaus habe ich Bücher über MS gelesen und meine Neurologin gab mir die Adresse von der Selbsthilfegruppe in Prenzlauer Berg — vorsorglich — ich wollte ja gar nicht hin, was sollte ich denn da? Ich war doch gesund! Da der Treffpunkt bei mir um die Ecke war, bin ich mal vorbei gegangen, nur außen natürlich. Mal sehen, wo die sich treffen! Ich habe es auch gleich gefunden und wie ich mir gedacht hatte, ein großes Plakat mit Fotos von MS-Kranken und sehr viele Rollstühle auf dem einen Bild.

Ich habe sehr viel geheult in der Zeit und habe mich auch von meinem Freund getrennt, ohne ihm genau zu sagen, was los ist.

Nun, ich bin kein Mensch, der das lange aushält. Ich habe dann meine Schwester und Mutter zusammen gerufen und jedem ein Buch über MS in die Hand gedrückt und ihnen gesagt: „Ich habe diese Krankheit.” Es hat dann auch nicht mehr lange gedauert und ich wollte sehen, was eine Selbsthilfegruppe ist. Ich hatte überhaupt keine Erfahrung. Ich musste also noch einmal zu dem Gebäude, um mir den Termin abzuschreiben.

Ich bin dann auch hingegangen. So viele waren nicht im Rollstuhl ... war mein erster Eindruck. Dann kam der große Raum und eine gemütliche Kaffeerunde. Kuchen oder Kekse gab es, ich weiß es heute nicht mehr so genau, aber ich esse beides gern. Ich wurde begrüßt und dann wurde erzählt. Immer wenn ein „Neuer” kommt, stellen sich alle neu vor, so dass sich keiner fremd vorkommt. Ich bin mir sicher, dass ich nicht ganz aufmerksam war, ich war sehr aufgeregt. Was sollte ich denen (fremde Leute!) erzählen?

Dann war ich auch dran. Ich habe erst mal wieder geheult und auch einiges erzählt, aber vor allem habe ich geheult. Und dann habe ich die anderen gefragt. Ich wurde wieder etwas ruhiger. Wir haben noch weiter Kaffee getrunken und dann wurden Termine besprochen für weitere Aktivitäten der Gruppe und anderes, was mich eigentlich nicht interessierte. Man ließ mich jetzt in Ruhe und ich konnte alle anderen etwas mehr beobachten. Es wurden unter den anderen auch Fragen gestellt nach ihrer Gesundheit und auch nach Mitgliedern, die an diesem Tag nicht da waren.

Ich konnte auch sehen, dass einige einen Rollator hatten oder Unterarmstützen oder einfach große Tassen nutzten, weil sie bei den kleinen zu viel verschütteten. (Den Zusammenhang habe ich erst später erkannt.) Jetzt war es auf einmal 16 Uhr und die ersten gingen oder wurden abgeholt. Auf einmal fragte man mich, ob ich denn beim nächsten Mal wieder käme. Ich sagte: „Nein”. Was sollte ich da!

Ich bin nicht krank und auf jeden Fall nicht so krank! Ich habe auch gar keine Zeit. Ich wollte ja noch arbeiten gehen und mich um Arbeit bemühen. Der Treff ist zwischen 14 und 16 Uhr, um die Zeit musste ich doch früher immer arbeiten. „Ich komme nicht wieder her!” Ich bin auch wirklich nicht wieder gekommen, erst einmal. Ich weiß nicht mehr, was ich alles gemacht habe. Gegrübelt mit der Familie und geredet, zumindest mit dem Teil, den ich informiert hatte. Ich habe immer noch nicht allen gesagt, dass ich MS habe, ich will kein Mitleid. Ich will nicht, dass man sagt, die hat ja MS, wenn ich nur zu faul bin, einen Brief zu schreiben.

So habe ich mir also Zeit genommen, zu überlegen. Ich hatte sowieso keine Arbeit, also hatte ich sehr viel Zeit. Am Anfang habe ich immer an das Schlimmste gedacht, aber ich merkte, dass es mir gut ging, Und ich las die Bücher noch mal und noch mal. Mir fielen auch Dinge ein, die die Neurologin gesagt hat. Auch was in der Selbsthilfegruppe erzählt wurde und auch, wie lustig die Menschen waren. Und vor allem keine Trauer, keine Selbstmordgedanken. Ich hatte ja auch keine, ich war ja „gesund”.

Aber was ist, wenn ich krank werde? Ach so! Was ist, wenn ich wirklich nicht mehr so gut laufen kann oder wirklich in einen Rollstuhl muss? ... Ja, aber die brauchen ihn ja nicht alle ständig ... Aber was ist, wenn ich Hilfe brauche? Ach, was soll schon sein, da ist meine Schwester und meine Mutter - und dann? Was ist, wenn Mutter auch krank oder einfach alt ist? Wer hilft mir? Keiner! Wieso auch!

Ihr seht, ich selbst hatte gar keine Chance, ich musste in die Selbsthilfegruppe. Böse Zungen könnten jetzt sagen, weil ich mir die Hilfen für später sichern wollte. Aber ich habe mir gesagt: Ich will meinen kleinen Beitrag leisten, zu helfen. Ich bin also hin gegangen und habe das wahr gemacht, was ich mir vorgenommen habe. Wenn ich auch manchmal faul bin, erinnert mich an diesen Brief und dann bin ich bestimmt nicht mehr faul! Versprochen! Ich kann so aber doch nicht enden, denn es ist nicht mehr ganz so, wie ich mir das gedacht hatte.

Ich habe nicht erwartet, dass auch ich Hilfe aus der Gruppe erhalten kann. Ich habe mir auch gar keine Gedanken gemacht, was für unterschiedliche und auch sehr interessante und liebe Menschen ich in der Gruppe treffe. Ich hatte so viel mit mir zu tun,dass ich die anderen nicht wahrnahm.

Heute kann ich sagen, dass ich gern in die Gruppe gehe, nicht mehr nur, um zu helfen, sondern wegen der wirklich ganz lieben Gemeinschaft. Ich kann heute nur jedem empfehlen, solch eine Gemeinschaft länger als nur einen Nachmittag zu testen. Die Vorteile für einen selbst liegen bei weitem höher als die Unbequemlichkeiten oder auch die Arbeit, die damit verbunden sind.


Weiterlesen