Für Wolfgang


Abschiedsgedanken nach einem Unglücksfall



Dieser Mai ist wieder ein wahres Blütenfeuerwerk. Auf den grünen Inseln in Berlins grauem Häusermeer, in den Stadtparks, längs der Alleen und auch im stillen Hinterhof der Paul-Robeson-Straße im Prenzlauer Berg, wo unser Freund wohnte, brennen die Kastanien ihre weißen Kerzen ab. Jasmin und Robinien duften. Und Wolfgang konnte es nicht mehr erleben.

Am 6. Mai, zu unserem 14-täglichen regelmäßigen Mittwochtreff in der "Amalie" erreichte uns die traurige Nachricht. Wolfgang H., der erst im März seinen 56. Geburtstag feierte und seit vielen Jahren zum festen Stamm der Prenziberger MS-Betroffenen-Gruppe zählte, verstarb völlig überraschend am 1. Mai 1998.

Nur wenige Tage vorher, zu unserer diesjährigen Gruppenfahrt an den Bötzsee bei Strausberg am 24. April, war Wolfgang noch dabei. Ein sonniger Frühlingstag, wie geschaffen für einen Ausflug ins Grüne vor die Tore der Stadt. Drei VdK-Kleinbusse brachten uns via Karow und Altlandsberg direkt bis an den See. Alles war gut vorbereitet. Vor dem Mittagsmahl im Restaurant „Neue Spitzmühle” ergingen wir uns noch ein Weilchen in Gottes freier Natur. Wir Noch-Gehfähigen hatten es übernommen, unsere Rollstuhlfahrer ein paar hundert Meter auf fester Piste in den nahen Wald zu begleiten.

Auch Wolfgang schob —scheinbar mühelos,— Marle-Luise, für die dieser Tag Rolli-Premiere war. Welch Genuss für die Großstädter, dazu von dieser heimtückischen Krankheit geplagt und jeder auf seine Weise geh- oder anderswie behindert, die Düfte von Wald und Wiesen zu atmen, dem Tirili der gefiederten Sänger zu lauschen.

Köstlich auch das Essen, heiter und ausgelassen die Stimmung an den Tischen. Regina macht Späße, Friedel kontert selbstbewusst, informiert und behält in ihrer mütterlichen Art souverän aus dem schweren E-Rolli heraus den Uberblick. Heidi und Manne schlendern, Händchen haltend wie ein verliebtes Paar, ans Ufer. In kleine Grüppchen verteilt sitzen wir auf der Terrasse zum See, plaudern oder hören zu. Wolfgang war eher einer von den Stilleren. Und wenn er sprach, dann unaufgeregt und leise. Er machte kein Gewese von seinem spezifischen Kampf gegen seine Art der Multiplen Sklerose. Aber wen es interessierte, dem konnte er haarklein Auskunft geben über seine „Spritzkur”, die Unterschiede zwischen Alpha- und Beta-Interferonen, neueste Studien der Pharmaforschung.

Als relativ Neuer in der Gruppe weiß ich nicht mal, was Wolfgang früher arbeitete, womit er sich in der Freizeit beschäftigte, welches Hobby er hatte. Ich kenne nur seine jahrelange Diagnose: MS und weiß, dass er alleine lebte. Mir schien, unsere Truppe war ein Stück Familie für ihn. Er kam sichtlich gerne zu unseren Treffs, früher in der Cantianstraße, später in der Gleimstraße und jetzt in der „Amalie” in Pankow, wo wir uns besonders gut betreut fühlen. Vergnüglich geht‘s zu an der großen Kaffeetafel, die Kuchenbäcker wechseln von Mal zu Mal. Sogar auf die Männer in der Minderheit ist Verlass.

Wolfgang half auch wiederholt bei der Standbetreuung anlässlich der Gesundheitstage in Prenzlauer Berg, verwaltete zuverlässig unsere bescheidene Gruppenkasse und machte sich in seiner eher betulichen Art anderweitig nützlich. Fast überflüssig, noch zu sagen, wie sehr Wolfgang uns fehlen wird. Und: ich hätte ihn gern noch manches fragen wollen.


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