Als ich im März von meiner damaligen Neurologin erfuhr, dass sich in der Cantianstraße 9 eine Selbsthilfegruppe befindet, war ich sehr skeptisch. — Ist es etwas für mich, ja oder nein? Nach langer Uberlegung ging ich das erste Mal dort hin, drückte die Türklinke und entschied mich ganz plötzlich, wieder weg zu gehen.

Angst war es, glaube ich, nicht, aber ein ganz flaues Gefühl überkam mich. Wie ist es dort? — Was machen die so? Was sage ich, wenn ich rein gehe? — Alles Fragen, die mich immer wieder verfolgten. Wenn ich so zurück denke, ließ mich der Gedanke über Monate nicht los. Sogar schlaflose Nächte hatte ich schon deswegen hinter mir.

An einem Donnerstag im Juli regnete es nicht nur, es war ein richtiger Wolkenbruch. Da der Sturm sehr stark war, hatte ich mit dem Schirm zu kämpfen. Nun nahm ich allen Mut zusammen und drückte endlich die Türklinke herunter. Durch diesen Griff sollte sich mein ganzes Leben mit der Diagnose MS verändern. Warum? Das zu beschreiben ist gar nicht so leicht. Was ich zuerst sah, war ein riesengroßer Saal und an der linken Seite ein großer runder Tisch. Es fiel mit sofort auf, wie liebevoll er gedeckt war. Es kamen mir gleich zwei Frauen entgegen und begrüßten mich herzlichst. Sie stellten sich als Regina und Friedel vor.

Ich war von den ersten Eindrücken fast erschlagen. Der Kaffee und der selbst gebackene Kuchen taten mir bei meiner Aufregung sehr gut. Durch die Unterhaltung, die mir viel gab, taute ich so langsam auf. Als wir uns verabschiedeten, war mir sofort klar: „Ich komme wieder.” Und das ging mir spontan auf dem Weg durch den Sinn: Wenn die anderen wüßten, wie lange ich schon immer an der Tür vorbei gegangen war!

Da ich mich so wohl fühlte, lud ich die Gruppe im August zu mir in den Garten ein. Leider meinte es das Wetter nicht so gut mit uns; aber mit Hilfe eines großen Schirmes wurde trotzdem gegrillt. Während dieser Zeit haben wir in der Wohnstube uns die Zeit mit Spielen vertrieben. Danach schmeckte es allen gut —trotzdem. Dieser Grillnachmittag in gemütlicher Runde wiederholt sich dieses Jahr nun schon zum sechsten Mal.

Durch die Gruppe habe ich sehr viel an Selbstvertrauen zurück gewonnen, das ich schon verloren glaubte in jener Zeit, als ich mich allein mit mir und der Diagnose MS herumschlug. Als die Anzahl der Gruppenmitglieder immer mehr zunahm, mussten wir uns teilen. Ein Teil der Gruppe ging nach Pankow und die anderen blieben im neu erbauten Haus in der Cantianstraße. Unsere Regina, die nach der Teilung die Gruppe übernommen hatte, zog leider nach Brandenburg.

Ich überlegte lange, ob ich die Leitung dieser Gruppe übernehmen könnte. Ich entschied mich dazu. In dieser Zeit dachte ich oft an die Tür, an der ich immer wieder kehrt gemacht hatte. War es Angst — oder die Ungewissheit über das, was mich hinter dieser Tür erwartete?

Es erwarteten mich schöne Jahre mit „meiner” Gruppe.


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