Der Mensch ist doch ein Gewohnheitstier



Es wird nun schon 15 Jahre her sein, da wollte ich meine MS noch wie ein Spitzensportler besiegen. Eingeschränkte Mobilität, schwindende Kraft und Ausdauer, einfach gesagt, ein Nachlassen der Allgemeinverfassung zeigen mir heute, eine MS ist nicht zu besiegen.

Man lernt mit ihr zu leben, lebt, wie sie es wünscht und fordert. Sie musste für mich Partner werden, dem ich immer versuche, Paroli zu bieten. Ich will mich ungern unterordnen. So sind manche Angewohnheiten entstanden.

Da gibt es die tägliche Gymnastik. Der Wille dafür ist immer da. Doch meistens muss ich erst meinen inneren Schweinehund besiegen. Manchmal verliere ich den Kampf. Aber wenn ich die CD mit Entspannungsmusik einlege und die ersten Töne erklingen, können die Ubungen beginnen. Fragt mich nicht danach, was ich übe. Es muss jeder selbst herausfinden, was seinem Körper und seiner Seele gleichermaßen gut tut.

Auch bei mir beginnt die Woche mit Montag, meinem Stresstag. Es ist Schwimmtag, verbunden mit Wassergymnastik. Wenn ich die Reizworte: Anziehen, Ausziehen, Abtrocknen nenne, wissen Eingeweihte, was ich meine. Doch man ist einfach mit netten Menschen zusammen, die alle die gleiche Angewohnheit haben, dem Körper etwas Gutes zu geben. Dann geht die Woche weiter mit dem so genannten Physiotherapie-Tag. Ich fahre zur Physiotherapie Praxis, obwohl es einfacher wäre, die Therapeutin käme zu mir in die Wohnung. Ich mache es absichtlich umgekehrt. Es ist eine kleine Erinnerung an das Berufsleben. Man muss zu einem Ort, um einer Tätigkeit nachzugehen.

Mein "Arbeitsverhältnis" läuft nun schon zehn Jahre und für die lausige Wirtschaftslage ist das eine schöne Dauer. Und weil ich am Stadtrand wohne, ist es für mich jedes Mal auch eine Fahrt in die große Stadt.

Weiter in der Woche kommt dann der Gruppennachmittag. Wir treffen uns, weil wir alle eine Angewohnheit haben. Wir wollen uns in gemütlicher Runde zusammen finden, Gedanken austauschen, Informationen vermitteln, einander helfen. Dann gibt es auch Tage in der Woche, wo ich einfach im Garten sitze und das Nichtstun genieße. Morgen beginnt ein neuer Tag, mal sehen, was er bringen mag. Aber ihr wisst ja mittlerweile, wie meine Tage verlaufen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Nachsatz: Manchmal gibt es auch Tage, da geht es mir nicht gut. Die MS treibt dann mit mir ihr Unwesen. Doch von schlechten Gewohnheiten wollte ich nicht berichten.


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